9. Oktober 2025 / Aus aller Welt

Warum viele in ihrer Wohlfühl- und Meinungsblase bleiben

Selten wirkte die Außenwelt so bedrohlich wie derzeit. Die Reaktion darauf: Abschottung und Rückzug ins Private. Kann das gutgehen? Stephan Grünewalds neues Buch «Wir Krisenakrobaten» gibt Antworten.

Die Gefühlslage der Nation ist nach Einschätzung des Psychologen Stephan Grünewald derzeit schwierig und stark von Verdrängung geprägt. (Archivbild)
Veröffentlicht am 9. Oktober 2025 um 06:17 Uhr

Inflation, Rezession, Kriegsangst: Das Leben war schon mal einfacher. Wie gehen die Deutschen mit dieser Zeitenwende um? Der Psychologe und Bestsellerautor Stephan Grünewald legt die Nation in seinem neuen Buch «Wir Krisenakrobaten - Psychogramm einer verunsicherten Gesellschaft» auf die Couch. 

Mehrere Umfragen, unter anderem vom Allensbach-Institut, haben in den vergangenen Monaten gezeigt, dass die persönliche Lage von den meisten immer noch eher positiv eingeschätzt wird, während man für Staat und Gesellschaft schwarz sieht. 

Grünewald erklärt dies damit, dass sich viele Menschen als Reaktion auf die bedrohliche Außenwelt ins private Schneckenhaus zurückgezogen hätten. Gleichzeitig versuchten sie, die Bedrohungen außerhalb der eigenen Welt auszublenden. «Diese Minimierung des Gesichtskreises führt zu einer Maximierung der persönlichen Zuversicht.» 

Grünewald stützt seine Analyse sowohl auf quantitative Befragungen als auch auf tiefenpsychologische Interviews seines Kölner Rheingold-Instituts. Demnach haben sich die Deutschen derzeit in einer Art Nachspielzeit eingerichtet: Sie wollen das vertraute schöne Leben noch ein kleines bisschen festhalten - auch wenn sie eigentlich wissen, dass es die alten Gewissheiten nicht mehr gibt. 

Nostalgiewelle und Serienkult

Laut Grünewald ist das die Erklärung für den anhaltenden Retro-Trend in Film und Fernsehen: Dort werden Geborgenheitserfahrungen der 70er und 80er Jahre recycelt. Gleichzeitig erlaubten Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime oder Disney+ das Abtauchen in eine Gegenwelt. «Der Wandel und die Brüchigkeit der Welt wird konterkariert durch die Konstanz einer Serie, die uns über viele Staffeln hinweg die ewige Wiederkehr des dramaturgisch Gleichen serviert.» 

Andere Meinungen stören in diesem privaten Wohlfühlbereich nur - deshalb ziehen sich viele Menschen in die eigene Blase zurück. «Unsere private Streitkultur ist praktisch zum Erliegen gekommen. Stattdessen - und das haben wir in vielen Tiefeninterviews gehört - sortieren die Menschen im Bekanntenkreis all diejenigen aus, die eine andere Meinung haben.» All dies diene dazu, den Alltag zu stabilisieren und zumindest im privaten Rahmen eine gewisse Zuversicht zu verspüren. 

Wo bleibt die «Blut, Schweiß und Tränen»-Rede?

Aber können Ausblenden und Abschotten auf Dauer wirklich die Lösung sein? Die zentrale Diagnose von Grünewalds Buch ist, dass der Rückzug ins Private und das Fehlen einer gemeinsamen Zukunftsvision, die auf gesellschaftliche Transformation zielt, eine «gestaute Bewegungsenergie» zur Folge haben. 

Damit ist gemeint: Die Deutschen haben im Prinzip durchaus noch die erforderlichen Kraftreserven, um die Probleme wirklich anzugehen und zu bewältigen - aber diese Energie wird derzeit nicht freigesetzt. 

«Der Dauerzank in der Ampel hat das Gefühl genährt, dass die Politik sich im Bruderzwist aufreibt und nicht mehr Herr der Lage ist. Und jetzt wiederholt sich das ansatzweise bei der schwarz-roten Koalition, weil man da den Eindruck hat: Die verhaken sich auch. Lachender Dritter ist die AfD.»

Bundeskanzler Friedrich Merz und andere Politiker müssten der Bevölkerung nach Überzeugung von Grünewald ehrlich sagen, wie dramatisch die Lage etwa bei der Rentenfinanzierung oder der militärischen Verteidigungsfähigkeit der Bundesrepublik aussieht. Und sie müssten ihr dann auch etwas abverlangen nach dem Motto: «Blut, Schweiß und Tränen» - die ungeschönte Botschaft, die Winston Churchill 1940 bei seinem Amtsantritt ausgab. 

Es muss auch mal der Knüppel aus dem Sack raus

«Die Bürgerinnen und Bürger spüren unterschwellig, dass sie nicht immer nur Tischlein-deck-dich und Goldesel bekommen können, sondern dass irgendwann auch mal der Knüppel aus dem Sack raus muss. Das heißt: Es wird nicht ohne Härten abgehen.» 

Grünewald sieht also eine große brachliegende Sehnsucht nach gemeinschaftsstiftendem Handeln. Das letzte Mal, dass es gelang, das zu aktivieren, war in seinen Augen die Reduzierung des Energieverbrauchs im ersten Winter des Ukrainekriegs 2022/23. 

«Da gab es ein klares, sinnvolles Ziel, zu dem jeder Einzelne beitragen konnte. Und es ging gerecht zu, weil man wusste: Der Nachbar stellt auch die Heizung niedriger, die Industrie fährt die Produktion runter, und die Regierung kümmert sich derweil um LNG-Terminals.» 

Natürlich müsse man dafür erst einmal aus der Komfortzone herauskommen, und das bedeute zwangsläufig auch Widerstand. «Aber wenn man dann dabei bleibt, überwiegt das befreiende Gefühl, dass die gestaute Energie freigesetzt wird, und man merkt: Aha, ich bin an einem großen Projekt beteiligt. Und dann ist man nicht nur stolz auf das Land, sondern auch auf sich selbst.»


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