28. September 2023 / Aus aller Welt

Ein Beef Wellington und drei Tote

Giftpilze als Mordinstrument? Oder doch ein schreckliches Versehen? Diese Fragen geben derzeit in Australien Rätsel auf. Fakt ist, dass drei Senioren ein Mittagessen bei der Ex-Schwiegertochter nicht überlebt haben.

Eine Wissenschaftlerin vom Royal Botanic Garden Victoria zeigt giftige Knollenblätterpilze.

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi aus der Feder von Agatha Christie, und sie ist fast genauso mysteriös: Eine Australierin lädt ihre Ex-Schwiegereltern und ein weiteres Ehepaar zum Lunch. Auf den Tisch kommt Beef Wellington. Rinderfilet in knusprigem Blätterteig, verfeinert mit Pilzen. Am Ende sind drei Gäste tot, der vierte überlebt nur um Haaresbreite.

Später stellt sich heraus, dass in dem vermeintlichen Gaumenschmaus wohl hochgiftige Knollenblätterpilze lauerten. Experten zufolge ist eine durch sie verursachte Vergiftung extrem qualvoll und meist tödlich. Wie die toxische Zutat ins Essen kam, bleibt ein Rätsel. Die Köchin, die ins Visier der Polizei geraten ist, beteuert ihre Unschuld.

Schon Agatha Christie soll gesagt haben: «Wenn irgendwo Pilze schmoren, wird der Kriminalist unwillkürlich hellhörig.» Und so wird Erin Patterson, die das fatale Mittagessen zubereitet hat, von der Polizei als Verdächtige gehandelt - auch wenn bisher keine Beweise für eine mögliche Straftat vorliegen, wie der bekannte Kriminalreporter John Silvester jetzt in der Zeitung «The Age» schrieb. «Die Ermittler der Mordkommission müssen der Beweislage so lange folgen, bis sie zu einer Schlussfolgerung kommen, die alle anderen Szenarien ausschließt», erläuterte er. Und das kann dauern, wie die Polizei des Bundesstaates Victoria selbst zugab.

Die Behörden halten sich bislang bedeckt

Erin Patterson ist auf freiem Fuß, und die Behörden halten sich bislang bedeckt mit dem Stand ihrer Ermittlungen. Die 48-Jährige hat beteuert, sie wolle der Polizei bei der Klärung helfen. Über ihre Anwälte ließ sie den Ermittlern schriftlich ihre Version der Ereignisse zukommen.

«Ich bin am Boden zerstört, wenn ich daran denke, dass diese Pilze zur Erkrankung meiner Lieben beigetragen haben könnten. Ich möchte wiederholen, dass ich absolut keinen Grund hatte, diese Menschen, die ich liebte, zu verletzen», zitierte die australische ABC im August exklusiv aus der Erklärung. Zudem habe es sich um die Großeltern ihrer beiden Kinder gehandelt, die Beziehung sei auch nach der Trennung von ihrem Ex-Mann Simon eng gewesen.

Aber was ist an jenem verhängnisvollen Tag im beschaulichen Örtchen Leongatha, zwei Autostunden südöstlich von Melbourne, genau passiert? Es ist der 29. Juli, als Patterson die Eltern ihres Ex-Mannes sowie ein älteres Ehepaar zum Mittagessen in ihr Haus einlädt. Bei den Gästen handelt es sich um Gail und Don Patterson, beide 70 Jahre alt, sowie um Gails Schwester Heather Wilkinson (66) und ihren Mann Ian Wilkinson (68). Später erklärt die Köchin, dass sie das Filet Wellington sowohl mit frischen Champignons aus einem Supermarkt als auch mit getrockneten Pilzen aus einem Asia-Shop zubereitet habe.

Forensische Tests ergaben nun aber zweifelsfrei, dass es sich stattdessen um Giftpilze handelte, wie verschiedene Medien in dieser Woche berichteten - allem Anschein nach um den berüchtigten Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), auch «Todeskappe» genannt.

Ein Gegenmittel ist nicht bekannt

Als die Gäste Stunden später ahnungslos nach Hause fahren, breitet sich das tödliche Toxin bereits in ihrem Körper aus und zielt auf Leber und Nieren. Die «Daily Mail Australia» zitierte einen Mediziner mit den Worten, es handele sich um «ein sehr cleveres Gift», weil es den Körper einer Person auf geradezu katastrophale Weise angreife und im Wesentlichen «die Leber zum Schmelzen bringt».

Die Webseite «Pilzlexikon.eu» schreibt: «Der Grüne Knollenblätterpilz gilt als der Giftpilz schlechthin, denn nicht umsonst gehen über 90 Prozent aller tödlichen Pilzvergiftungen auf sein Konto.» Das Heimtückische sei, dass die Organe schon irreversibel geschädigt seien, wenn erste Symptome aufträten. Der Todeskampf ist extrem schmerzhaft, und ein Gegenmittel ist nicht bekannt. Das Perfide: Knollenblätterpilze sollen gut schmecken, wie Überlebende berichten.

In der Nacht klagen alle vier Lunch-Gäste über schwere Bauchkrämpfe, die so schlimm werden, dass sie ins Krankenhaus müssen. Zunächst denken die Ärzte an eine normale Lebensmittelvergiftung, aber der Zustand der Patienten verschlechtert sich zusehends. Innerhalb von einer Woche sind Gail und Don Patterson sowie Heather Wilkinson tot. Ian Wilkinson kämpft fast zwei Monate lang um sein Leben. Erst vor wenigen Tagen konnte er das Krankenhaus verlassen.

Fünf Menschen mit Vergiftungserscheinungen

Die Augen der Öffentlichkeit richten sich sofort auf Erin Patterson. Denn alle fragen sich: Warum wurde sie nicht krank? Journalisten positionieren sich vor ihrem Haus. Schließlich tritt sie am 7. August vor die laufenden Kameras. In Tränen aufgelöst sagt sie, die Verstorbenen gehörten zu «den besten Menschen, die ich je getroffen habe». Sie habe keine Ahnung, was passiert sein könnte. Gleichzeitig bestreitet sie jedes Fehlverhalten: «Ich habe nichts getan, ich liebe sie und ich bin am Boden zerstört, dass sie weg sind.»

Was viele verwundert: Erst in ihrem Schreiben an die Polizei einige Tage später macht sie klar, dass sie ebenfalls Symptome gehabt habe. Am 30. Juli sei sie mit starken Magenschmerzen und Durchfall ins Krankenhaus gekommen, wo sie eine Infusion und ein «leberschützendes Medikament» erhalten habe. Laut ABC haben die Gesundheitsbehörden bestätigt, dass insgesamt fünf Personen mit Vergiftungserscheinungen behandelt wurden. Dennoch klingen die Spekulationen samt angeblich immer neuer Wendungen in dem Fall nicht ab.

Während das tödliche Mittagessen die Justizbehörden wohl noch länger beschäftigen wird, sind die Pilzverkäufe im Land deutlich zurückgegangen, wie Medien Georgia Beattie zitierten, Vorsitzende des Verbandes der australischen Pilzbauern. Es sei aber unmöglich, dass Knollenblätterpilze in die Lieferkette eines Supermarktes gelangten: Sie können laut Beattie auf kommerziellen Champignonfarmen gar nicht gedeihen, sondern nur in der Natur. Die Giftpilze leben in Symbiose mit Bäumen, mit denen sie lebensnotwendige Stoffe austauschen. Bis das Rätsel gelöst ist, bleibt aber ein mulmiges Gefühl.


Bildnachweis: © Joel Carrett/AAP/dpa
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