4. September 2023 / Aus aller Welt

Italien sorgt sich um Nachwuchs von erschossener Bärin

Italien sorgt sich um das Schicksal von zwei kleinen Bären. Die Mutter wurde erschossen, der Nachwuchs kann alleine nicht durchkommen. Die Stimmung ist aufgeheizt: Der Schütze erhält sogar Morddrohungen.

Bärin Amarena mit ihren Jungen am 26. August in San Sebatiano de Marsi. Jetzt ist die Bärenmutter erschossen worden.
Veröffentlicht am 4. September 2023 um 13:27 Uhr

Die Mutter ist tot, ihre Jungen können alleine nur wenige Tage überleben: Mit dem Ende der Sommerferien in Italien sorgt das Schicksal einer Braunbärenfamilie aus einem Nationalpark in den Abruzzen landesweit für Aufregung. Die Bärenmutter wurde von einem Jäger erschossen, der sich auf seinem Grundstück in dem mittelitalienischen Dorf San Benedetto dei Marsi angeblich bedroht fühlte. Jetzt läuft eine große Suche nach den erst vier oder fünf Monate alten Bärenkindern: Solo kommen sie in freier Natur noch nicht durch.

Die Mutter namens Amarena - also Schwarzkirsche, ein Wort, das man in Deutschland eher aus Eisdielen kennt - war im Parco Nazionale d'Abruzzo Lazio e Molise und darüber hinaus eine kleine Berühmtheit. Seit Jahren spazierte sie immer wieder durch die Dörfer, auch mit ihren jüngsten Sprösslingen. Von den Ausflügen gibt es nette Filmchen, die auf YouTube hunderttausendfach angeklickt wurden. Zur Gefahr für Menschen wurde die Bärin nach Auskunft der Parkverwaltung all die Jahre nie.

Wurde die Bärin grundlos getötet?

Trotzdem wurde Amarena am Donnerstag am Rande des Parks leblos aufgefunden. Alle Viere von sich gestreckt, mit blutigen Schusswunden. Der Schütze stellte sich selbst: ein Mann namens Andrea Leombruni, 56 Jahre alt, Jäger und Trüffelsammler. Seine Waffe besitzt er legal. Bei der Vernehmung gab er an, mit der Schrotflinte auf den Boden gezielt zu haben, ein einziges Mal nur, aus Angst. Trotzdem leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein - wegen des Verdachts, das Tier grundlos und grausam getötet zu haben.

Die Stimmung ist nun sehr aufgeheizt. Der italienischen Nachrichtenagentur Ansa berichtete Leombruni sogar von Morddrohungen. «Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen und nichts gegessen. Sogar meine 85 Jahre alte Mutter rufen sie an. Die ganze Familie steht am Pranger.» An eine Häuserwand in der Nachbarschaft wurde «Giustizia» («Gerechtigkeit») geschrieben. Eine Demonstration unter dem Titel «Gerechtigkeit für Bärenmama Amarena» verboten die Behörden.

Die Bärenjungen können alleine nicht überleben

Noch mehr als die Frage, ob Leombruni eine Strafe bekommt, beschäftigt die Nation jedoch das Schicksal der noch namenlosen Jungtiere. Der Nationalpark versucht seit Tagen, mit mehr als einer Hundertschaft an Helfern die beiden ausfindig zu machen - bis Montagmittag ohne jeden Erfolg. Auch mehrere Fallen mit Ködern, die mit dem Geruch der Mutter imprägniert waren, brachten nichts. Erschwert wird die Fahndung dadurch, dass die Tiere in der Regel erst mit Einbruch der Dunkelheit aktiv werden.

Nach Meinung von Experten können die kleinen Bären allein nur wenige Tage überleben, weil sie sich nicht ausreichend Nahrung besorgen können. Bislang wurden sie noch gestillt. Zudem gibt es Sorgen, dass sie von Wölfen oder streunenden Hunden getötet werden könnten. «Mit jedem Tag, der vergeht, wird die Suche schwieriger», sagt Dorfbürgermeister Antonio Cerasani. Die Hoffnung ruht nun auch darauf, dass die beiden zufällig von Passanten entdeckt werden. Oder sich vielleicht von sich aus in eines der Dörfer wagen.

Aus Sicht der Parkverwaltung ist der Tod von Amarena auch deshalb ein großer Verlust, weil sie eine besonders fruchtbare Bärin mit viel Nachwuchs war. Bei den Tieren im Abruzzen-Park handelt es sich um «Marsische Braunbären», eine seltene Unterart, von denen dort noch etwa 60 zuhause sind. Vor einigen Jahren waren es noch hundert.

In Italien gibt es immer wieder Debatten über den Umgang mit Bären, die Menschen in den Bergen nahekommen. Im April wurde in der Region Trentino ein 26-jähriger Jogger von einer Bärin angegriffen und getötet. Zwischenzeitlich beschlossen die Behörden schon, das Tier töten zu lassen. Möglicherweise wird es nun aber in ein Bärenreservat nach Rumänien umgesiedelt. Die Entscheidung soll dieses Jahr fallen.


Bildnachweis: © UGC/APTN/AP/dpa
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

Jetzt noch eine Ausbildung im Handwerk beginnen? Es ist nicht zu spät!
Kreishandwerkerschaft Gütersloh-Bielefeld

Obwohl der offizielle Start des Ausbildungsjahres am 1. August liegt, ist es keineswegs zu spät, sich auch jetzt oder...

weiterlesen...
Drei Stunden Stau am Schweizer Gotthard-Tunnel
Aus aller Welt

Blechlawinen vor dem Gotthard-Tunnel, Proteste in Amsteg: Wie Urlauber und Anwohner unter dem Mega-Stau leiden – und welche Alternativen es gibt.

weiterlesen...
Drei Tote bei Sturz von Harzturm
Aus aller Welt

Drei Menschen sterben nach einem Sturz von einem 65 Meter hohen Aussichtsturm im Harz. Was bislang bekannt ist.

weiterlesen...

Neueste Artikel

Umsiedlung von 30 Großkatzen aus Zoo in Argentinien beginnt
Aus aller Welt

Eine Tierschutzorganisation startet ihre bislang größte Mission. Tiger und Löwen wie «Kalu» und «Shelby» verlassen Argentinien und finden ein neues Zuhause in Schutzgebieten in den USA und Südafrika.

weiterlesen...
Schweres Erdbeben vor der Küste Indonesiens
Aus aller Welt

Vor der indonesischen Insel Flores kommt es zu einem sehr schweren Erdbeben. Es galt auch eine Tsunami-Warnung, die später wieder aufgehoben wurde.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

Umsiedlung von 30 Großkatzen aus Zoo in Argentinien beginnt
Aus aller Welt

Eine Tierschutzorganisation startet ihre bislang größte Mission. Tiger und Löwen wie «Kalu» und «Shelby» verlassen Argentinien und finden ein neues Zuhause in Schutzgebieten in den USA und Südafrika.

weiterlesen...
Schweres Erdbeben vor der Küste Indonesiens
Aus aller Welt

Vor der indonesischen Insel Flores kommt es zu einem sehr schweren Erdbeben. Es galt auch eine Tsunami-Warnung, die später wieder aufgehoben wurde.

weiterlesen...