6. Februar 2022 / Aus aller Welt

Junge stirbt nach Tagen in tiefem Brunnen in Marokko

Ein kleiner Junge in Marokko saß nach einem Sturz tagelang in 32 Metern Tiefe fest. Nach einer schwierigen Rettungsaktion sind die Befürchtungen traurige Gewissheit. Kritik gibt es an den Behörden.

Rettungskräfte legen den Leichnam des fünfjährigen Rayan in einen Krankenwagen.
Veröffentlicht am 6. Februar 2022 um 16:21 Uhr

Trotz großer Anstrengungen in den vergangenen Tagen ist die Hilfe für den fünfjährigen Rayan in Marokko nicht mehr rechtzeitig gekommen. Das Rettungsteam habe den Jungen am Samstagabend zwar aus dem 32 Meter tiefen Brunnen geborgen, meldete die staatliche marokkanische Nachrichtenagentur MAP.

Der Junge sei aber kurze Zeit später für tot erklärt worden. König Mohammed VI. habe den Eltern in einem Telefonat sein Beileid ausgesprochen, hieß es in einer Erklärung des Königshauses. Fernsehaufnahmen zeigten, wie die Helfer den Jungen aus einem Rettungstunnel in einen wartenden Krankenwagen trugen, während Menschenmassen den Helfern zujubelten. Trotz der nur langsam vorankommenden Rettungsaktion hofften viele bis zum Schluss auf ein Wunder. Tagelang hatten die Rettungskräfte trotz Müdigkeit ununterbrochen gearbeitet, wie lokale Medien berichteten.

Der Junge war am Dienstagnachmittag in einen ungesicherten Brunnen in der Nähe seines Zuhauses in einem Dorf rund 150 Kilometer nördlich der Stadt Fes gefallen. Rayans Familie hörte schließlich sein Wimmern und ließ ein Telefon an einem Seil in die Tiefe zu ihm hinab. «Als er verschwand, betete ich zu Gott und flehte ihn an, ihn lebend und sicher aus dem Brunnen zu holen», sagte Rayans Mutter dem Fernsehsender Al-Dschasira.

Tunnel von der Seite gegraben

Helfer seilten später auch eine Kamera ab, um den Gesundheitszustand des Jungen zu überprüfen. Schläuche sollten ihn mit Wasser und Sauerstoff versorgen. Wegen der geringen Schachtbreite konnten Helfer das Kind nicht durch den Brunnen selbst zurückholen. Rettungskräfte trugen deshalb zunächst mit schwerem Gerät parallel zum Schacht Erde ab. Informationen zu Rayans Zustand hatte es zuletzt am Donnerstag gegeben.

Seit Freitagabend buddelten Spezialisten dann in rund 32 Metern Tiefe einen horizontalen Tunnel, um Rayan über ein parallel zum Brunnen gegrabenes Loch zu erreichen. Die Retter gruben vorsichtig von Hand mit Spezialwerkzeugen. Immer wieder wurden die Arbeiten unterbrochen. Die Retter fürchteten, dass der Schacht wegen der Bodenbeschaffenheit einstürzen könnte. Auch ein Erdrutsch und Gesteinsbrocken verzögerten die Bergungsarbeiten.

Überall auf der Welt bangten Menschen mit der Familie um den Fünfjährigen. Schaulustige, strömten trotz Kälte in Massen zum Unfallort. Die örtlichen Behörden bauten Medienberichten zufolge Barrieren auf, um die Menge vom Brunnen fernzuhalten. Die Menschen seien eine Gefahr für die Rettungsaktion und der daran beteiligten Helfer, hieß es.

Gefahr durch ungesicherte Brunnen

Eine marokkanische Organisation machte den lokalen Behörden Vorwürfe, schon lange sei das Problem ungesicherter Brunnen durch illegale Bohrungen bekannt. Die vielen tiefen Schächte seien eine Gefahr für die Bevölkerung, insbesondere für Kinder, kritisierte die Nördliche Beobachtungsstelle für Menschenrechte in Marokko.

Wegen der Dürre und Wasserknappheit in der Region seien viele Brunnen ohne Genehmigung gegraben worden, erklärte ein Politiker in der marokkanischen Provinz Chefchaouen. «Mehr als 90 Prozent der Familien in der Gegend von Tamorot haben ihre eigenen Brunnen», sagte Abdelhai al-Tayar am Sonntag. «Rayans Tod hat ein Schlaglicht auf den desolaten Zustand von Tamorot und die extreme Armut geworfen, unter der die meisten Familien leiden.»

Papst Franziskus dankte den Marokkanern für ihre Hilfe und Anteilnahme an den Rettungsversuchen. «Leider haben sie es nicht geschafft», sagte der Papst am Sonntag nach dem allwöchentlichen Angelus-Gebet zu den Gläubigen auf dem Petersplatz. «Ein ganzes Land hat versucht, Rayan zu retten. Sie haben alles versucht», unterstrich das Oberhaupt der katholischen Kirche und lobte das Zeichen von Nächstenliebe.

Es gab bereits ähnliche Unglücke in den vergangenen Jahren. Vor knapp einem Jahr starb ein zehn Jahre alter Junge in Syrien nach einem Sturz in einen rund 20 Meter tiefen Brunnen. Vor drei Jahren konnten Helfer einen Zweijährigen in Spanien nur noch tot aus einem Schacht bergen. Julen war mehr als 70 Meter tief in einen illegal gebohrten Brunnen gefallen.


Bildnachweis: © Mosa'ab Elshamy/AP/dpa
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