13. August 2026 / Aus aller Welt

Plötzlich wird es still am Trümmerberg in Cali

In Kolumbiens Stadt Cali halten Menschen an einem eingestürzten Gebäude den Atem an. An den Trümmern helfen Freiwillige, beten Angehörige – und plötzlich gibt es Grund zur Hoffnung.

Helfer machen eine kurze Verschnaufpause.
Veröffentlicht am 13. August 2026 um 18:57 Uhr

Cali im Südwesten Kolumbiens ist laut, voll und hektisch. Doch in diesen Tagen nach dem Erdbeben hängen Trauer und Verzweiflung über der Stadt - aber auch Hoffnung. Rund um die Trümmer eines eingestürzten Gebäudes stehen Helfer und Anwohner dicht gedrängt, immer wieder gibt es Rufe und Anweisungen. Dann hebt einer plötzlich die Hand - eine andere hält ein Plakat hoch. Sofort wird es still. Kein Rufen mehr, kein Motor, kein Gespräch. Hunderte Augen richten sich auf einen Trümmerhaufen.

Unter den Resten eines eingestürzten achtstöckigen Wohnhauses könnte ein Mensch liegen. Die Rettungskräfte versuchen, zu ihm vorzudringen. Es wird auf jedes Geräusch geachtet - vielleicht kann der Verschüttete etwas hören, vielleicht kann er noch antworten.

Es ist der dritte Tag nach dem schweren Erdbeben. Und damit für die Helfer eine besonders entscheidende Phase. Nach rund 72 Stunden sinken die Chancen erheblich, Menschen lebend aus den Trümmern zu retten. Trotzdem will hier niemand von Aufgeben sprechen.

«Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht»

«Die Hoffnung ist das Letzte, was verloren geht», sagt Pastor Jaime Mera der Deutschen Presse-Agentur. Er steht wenige Meter von den Trümmern entfernt. Zusammen mit seiner christlichen Gemeinde hat er einen Pavillon als «Gebetsort» aufgebaut. Es gibt Wasser und Essen, zugleich kommen Menschen hierher, die nicht wissen, ob ihre Angehörigen noch leben. Für seine eigene Familie ist das Beben glimpflich ausgegangen. Umso stärker fühlt er sich verpflichtet, zu helfen. «Der Wunsch, zu dienen, anderen zu helfen, ist immer im Herzen», sagt er.

Auf dem Weg durch Cali ist vom Ausmaß der Katastrophe erst einmal wenig zu sehen. Erst im Süden der Stadt ändert sich das Bild: Beschädigte und eingestürzte Gebäude reihen sich aneinander. Helfer verweisen auf eine geologische Bruchzone, auf der dieser Teil der Stadt liegt, sowie auf ältere Gebäude, die noch vor den heutigen Erdbebenvorschriften errichtet wurden.

An einer der Unglücksstellen drängen sich Feuerwehrleute, freiwillige Helfer, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen – und Menschen aus der Nachbarschaft, die auf Nachrichten warten. Wie geht es den Verschütteten?

Alle warten auf ein Zeichen

Und dann kommt eine neue Anweisung: Alle sollen sich auf den Boden setzen. Irgendwo in der Ferne habe es ein Nachbeben gegeben, heißt es. Es könnte auch hier zu spüren sein. Die Menschen setzen sich hin oder gehen in die Hocke und warten. Doch diesmal bleibt die Erde ruhig.

Auch die Handys sollen in den Flugmodus gesetzt werden, um Funkstörungen bei der Ortung von Überlebenden zu vermeiden. Aktive Signale stören sensible Suchgeräte und überlagern die leisen Hilferufe von Verschütteten.

Unter den Helfern ist auch Alejandro Ortiz. Für den 22-Jährigen ist der Einsatz besonders persönlich: Er kennt mehrere Menschen, die in dem eingestürzten Gebäude gewohnt haben. Seit Montag kommt er immer wieder hierher. Inzwischen weiß er, dass einer seiner Bekannten gestorben sei, erzählt er mit glasigen Augen. Trotzdem hilft er, die Trümmer wegzuräumen. 

«Es ist eine moralische Verpflichtung», sagt er. «Auf keinen Fall kann ich angesichts dieser Situation gleichgültig bleiben.» Er wolle bleiben, solange er gebraucht werde. «Bis sie die letzten Menschen herausholen», sagt er.

Helfen, solange es noch Hoffnung gibt

Auch Fernando Acosta ist seit dem Beben vom Montag im Einsatz. Eigentlich arbeitet er in einer Firma für Klimaanlagen. Doch als die Erdstöße kamen, meldete er sich bei der Zivilverteidigung. Seitdem arbeitet er an wechselnden Einsatzstellen, schläft wenig und versucht, Verschüttete zu finden. «Die letzten Stunden sind die wichtigsten, die kritischsten», sagt er.

Acosta hat selbst erlebt, dass Rettung möglich ist. Zwei Menschen konnten nach dem Beben aus einem der Einsatzbereiche lebend geborgen werden. Jetzt hofft er, dass weitere folgen. «Es gibt Fälle, in denen Menschen viel länger überlebt haben», sagt er. «Es sind Dinge wie Wunder.»

Während weiter nach Überlebenden gesucht wird, kümmern sich andere Helfer um diejenigen, die hier ausharren und mit anpacken. Diego Rivera gehört dazu. Seine Gemeinde und die Hilfsorganisation ADRA verteilen Essen und Trinken an die Menschen vor Ort – an Helfer, Einsatzkräfte und Anwohner gleichermaßen.

Mehr als 200 Mittagessen haben sie heute bereits verteilt. Doch Rivera sagt, es gehe nicht nur um Nahrung. Manche Menschen kommen völlig aufgelöst zu ihnen, nachdem sie Tote oder Schwerverletzte gesehen hätten. «Die Menschen kommen mit dieser Erschütterung, mit diesem Schmerz, mit dieser Angst», sagt Rivera. «Wir versuchen, ihnen etwas Ruhe zu geben.»

Bange Stunden nach dem schwersten Beben seit Jahrzehnten

Hinter ihnen laufen die Rettungsarbeiten weiter. Nach dem Beben der Stärke 7,4 sind mindestens 273 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 3.800 wurden verletzt. Offiziell gelten 377 Menschen als vermisst. Angehörige suchen in einer inoffiziellen Datenbank allerdings nach rund 4.200 Vermissten. Cali, Pereira und Manizales gehören zu den besonders schwer getroffenen Städten. Es ist das schwerste Beben in Kolumbien seit Jahrzehnten.

Rund um die Trümmerberge im Süden Calis geht die Suche weiter. Plötzlich bricht Jubel aus. Ein Mensch sei unter den Trümmern gefunden worden, heißt es. Doch geborgen werden kann er zunächst nicht. Ein Feuerwehrmann bestätigt, dass die Rettungskräfte weiter versuchen, zu dem Verschütteten vorzudringen. Dann wird es wieder still. Es sind bange Stunden in Cali - am dritten und entscheidenden Tag nach dem Erdbeben.


Bildnachweis: © Philipp Znidar/dpa
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