Wenn Chris frische Milch holt, muss er nur morgens kurz die Haustür aufmachen. Sie wartet auf der Schwelle, rechtzeitig zum Frühstück. «Ich bin heilfroh, dass der Milchmann wieder morgens kommt», erzählt der Rentner aus Westlondon. Einst waren Milchmänner mit ihren Metallträgern ein normaler Anblick in britischen Straßen, das Rütteln der Transporter ein geliebter Klang. Selbst als Sinnbild für die staatliche Ordnung konnte der Milchmann herhalten. «Demokratie heißt: Wenn es früh um 3.00 Uhr ein Klopfen an der Tür gibt, ist es wahrscheinlich der Milchmann», sagte der britische Premierminister Winston Churchill. Noch in den 1980er Jahren gab es nur wenige Türen, an denen morgens nicht ein bis vier Flaschen standen. Wurden Schätzungen zufolge 1970 noch 99 Prozent der Milch direkt an die Haustür geliefert, sackte die Zahl spätestens im 21. Jahrhundert bis fast auf Null. Vor allem war es der Aufstieg der Supermärkte, die Milch aufgrund ihrer Marktmacht viel günstiger anbieten konnten. Milchlieferungen waren plötzlich ein Luxus, den sich nur noch wenige leisten konnten. Hinzu kam ein Boom bei «alternativer Milch» - statt Kuhmilch fragten Kunden nun nach Mandel-, Soja- oder Hafermilch. Doch das ändert sich wieder. Das liegt - natürlich, ist man versucht zu sagen - an der Corona-Pandemie. Lieferdienste waren plötzlich stark nachgefragt, und auch die alte Milchmann-Tradition erwachte wieder zum Leben. Das Start-up The Modern Milkman aus dem mittelenglischen Lancaster etwa, das vier Freunde für ihre lokale Gemeinde gründeten, konnte kaum mit der Nachfrage nachhalten. Zu Beginn der Pandemie kamen täglich 1200 neue Kunden hinzu, bis zu zehn Fahrer am Tag mussten eingestellt und geschult werden. Einer der größten Anbieter ist Milk & More, der sich auf eine mehr als 130-jährige Tradition seit den ersten Milchlieferungen in den 1880er Jahren beruft. Mittlerweile liefern 1000 Milchfrauen und -männer landesweit an etwa 400.000 Haushalte aus, wie Unternehmenschef Patrick Müller der Deutschen Presse-Agentur sagt. Seit Februar ist Milk & More ein eigenständiges Unternehmen in der deutschen Müller-Gruppe, die die Firma 2016 übernommen hatte. Doch nicht erst die Pandemie hat die Nachfrage angeheizt. «Wir haben 2017 einen neuen Anstieg des Interesses in unsere Lieferungen an die Türschwelle gesehen», sagt CEO Müller. Anlass: Die BBC-Dokumentation «Der blaue Planet», plötzlich suchten viel mehr Verbraucher nach nachhaltigen Einkaufslösungen. «Dieser Nachhaltigkeitstrend hat zu einem signifikanten und dauerhaften Wachstum geführt, das lange vor der Pandemie begann, aber sicherlich in dieser Zeit angetrieben wurde», berichtet Müller. Das Unternehmen unterhält mittlerweile eine der größten Flotten von E-Lieferwagen im Land. Und wie Milk & More setzen viele moderne Milchlieferanten auf wiederverwendbare Flaschen statt Plastikverpackungen - und pflegen damit die Tradition. Der Branchenverband Dairy UK bietet eine Online-Milchmannsuche an. In Westlondon schwärmt Rentner Chris noch heute von den ikonischen Flaschen, die traditionell ein Pint fassen, mit farbiger Metallfolie als Deckel. Der Deckel ist längst umweltfreundlicher, die Flasche ist wieder da. Auch sonst passt sich der Job an. Bestellungen funktionieren längst per App. Zudem bieten größere Lieferanten, aber auch lokale Anbieter, die es landesweit gibt, viele weitere Milchprodukte an wie Käse, Butter oder Joghurt, aber auch andere typisch ländliche Produkte wie Eier oder frische Säfte, alles lokal hergestellt. Das ist noch immer nicht günstig in einer Zeit, in der die Briten über steigende Energiekosten und Steuern klagen. Doch viele Kunden genießen die Mischung aus Tradition und Entspannung, die ihnen das Angebot bringt. Jo Heaton aus der Grafschaft Dorset fand im Gespräch mit der BBC geradezu poetische Worte: «Es ist, als ob man jeden Morgen einen Schatz auf seiner Türschwelle findet.»Aufstieg der Supermärkte
1000 Milchfrauen und -männer im Einsatz
Die traditionelle Flasche ist wieder da
Bildnachweis: © --/Milk & More/dpa
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Briten erfreut über Rückkehr des Milchmanns
Einst waren Milchmänner in Großbritannien ein alltägliches Bild. Doch mit dem Aufstieg der Supermärkte verschwanden sie fast vollständig. Nun sind sie zurück - nicht nur wegen der Pandemie.
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