9. November 2021 / Aus aller Welt

Frankreich ringt um seine Küsschenkultur

Küsschen links und Küsschen rechts, die Franzosen müssen bei ihrem Begrüßungsritual wegen Corona derzeit Verzicht üben. Viele halten sich da inzwischen aber nicht mehr dran.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel geben sich Küsschen.

Zögerlich stehen sich viele Menschen in Frankreich derzeit bei der Begrüßung gegenüber. Ist der mit der Corona-Pandemie in Ungnade gefallene traditionelle Wangenkuss nun wieder möglich oder beschränkt man sich mit dem Küsschen links und Küsschen rechts - anders als früher - nur noch auf sehr enge Bekannte?

Die Frage ist von nationaler Tragweite, die Zeitung «Le Parisien» titelte kürzlich: «Können wir uns wirklich wieder per Wangenkuss begrüßen?»

Auch in Frankreich steigen die Zahlen wieder

Auf einer Doppelseite gaben mehrere Experten ihre Einschätzung ab, wobei für den Virologen klar ist: Ein kurzes Schulterklopfen ist derzeit noch die sicherere Form der Begrüßung mit Körperkontakt. Denn auch wenn die Corona-Lage in Frankreich mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von zuletzt knapp 70 weniger angespannt als in Deutschland ist, steigen auch dort die Zahlen wieder.

Dabei kehrten nach Daten der Gesundheitsbehörden etliche Französinnen und Franzosen bereits seit dem Sommer zum Wangenkuss, dem «faire la bise», zurück. Nur noch 58 Prozent gaben an, bei der Begrüßung auf Handschlag oder Wangenkuss zu verzichten, hieß es im September, ein Jahr davor übten noch 66 Prozent Verzicht.

Und nach einer Mitte Oktober vorgelegte Studie des Umfrageinstituts Ifop hält die Rückkehr des Wangenkusses seitdem an. 65 Prozent der Menschen in Frankreich praktizieren demnach bereits im Kreis von Freunden und Kollegen das Küsschen-Ritual wieder, 26 Prozentpunkte mehr als noch ein halbes Jahr zuvor.

Die «bises» gehören einfach dazu

Dabei ist man bei den Küsschen, die übrigens nicht auf die Wange geschmatzt sondern angedeutet in die Luft gehaucht werden, noch nicht auf Vorkrisenniveau zurückgekehrt. Bei 91 Prozent der Begrüßungen im vertrauten Kreis gehörten die «bises» zuvor dazu. Und auch bei offiziellen Anlässen: So durften etwa bei den Treffen von Kanzlerin Angela Merkel und Präsident Emmanuel Macron - zumindest vor Corona - die Küsschen nie fehlen.

«Seit meine Familie und Bekannten geimpft sind, spielen die Abstandsregeln keine Rolle mehr», erzählt Juliette (20) dem Nachrichtenmagazin «L'Express». «Wenn ich zu einer Freundin gehe, wasche ich mir bei der Ankunft zwar die Hände, aber wir geben uns ein Küsschen.» Pierre (32) ist vorsichtiger, er beschränkt das Begrüßungsritual auf die Familie. «Unter Freunden gibt es keinen Wangenkuss, aber das ist immer komisch, es gibt diesen Moment des Zögerns, gebe ich einen Kuss oder nicht?» Auch Clara (26) begrüßt seit ihrer Impfung ihr Umfeld wieder so wie früher. «Wenn die Lage aber wieder schlimmer wird, halte ich mich wieder korrekt an die Vorschriften», sagt sie «L'Express».

Und wird die französische Küsschenkultur durch Corona dauerhaft Schaden nehmen? Möglich sei, dass die «bises» nicht mehr so automatisch ausgeteilt werden wie bisher, sagte der Soziologe Jean-Claude Kaufmann, zugleich Autor eines Fachbuchs über das Küssen, dem «Parisien». Auch die #MeToo-Bewegung führe zu einer neuen Bewertung der Körperkontakte. «Auf jeden Fall werden die Küsschen viel selektiver sein, man wird sie der Familie, Freunden und engen Kollegen vorbehalten - und ob sie darüber hinaus zurückkehren ist nicht sicher, das wird sich jeweils im Einzelfall entscheiden.»


Bildnachweis: © Francois Mori/AP/dpa
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