10. Januar 2023 / Aus aller Welt

«Klimaterroristen» zum «Unwort des Jahres» gekürt

Der Ausdruck fiel im zurückliegenden Jahr in der Debatte um die Proteste von Klimaaktivisten. Die Verwendung des Begriffs rügt nun eine Jury. Die «Letzte Generation» begrüßt die Entscheidung.

Die Jury der sprachkritischen Aktion kritisiert mit dem Ausdruck die Gleichsetzung von Klimaaktivisten mit Terroristen.
Veröffentlicht am 10. Januar 2023 um 14:51 Uhr

Das «Unwort des Jahres» 2022 lautet «Klimaterroristen». Das gab die sprachkritische «Unwort»-Aktion in Marburg bekannt. Der Ausdruck sei im öffentlichen Diskurs benutzt worden, um Aktivisten und deren Proteste für mehr Klimaschutz zu diskreditieren, begründete die Jury ihre Wahl. Sie kritisierte die Verwendung des Begriffs, weil Aktivistinnen und Aktivisten mit Terroristen «gleichgesetzt und dadurch kriminalisiert und diffamiert werden». Gewaltlose Protestformen zivilen Ungehorsams und demokratischen Widerstands würden so in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt, rügte die Jury.

Die Klimaaktivisten der Gruppe Letzte Generation reagierten positiv auf die Wahl. «Es ist ermutigend zu sehen, dass heute der Begriff 'Klimaterroristen' zum Unwort des Jahres 2022 gewählt wurde», sagte eine Sprecherin der Aktivisten-Gruppe der Deutschen Presse-Agentur. Insbesondere «an Tagen wie diesen» sei es «ermutigend, weiter friedlichen Widerstand zu leisten», sagte sie mit Blick auf die Klimaschutz-Aktionen ihrer Gruppe.

«Letzte Generation»: Terror-Gleichsetzung nicht gerechtfertigt

Die seit 1991 stattfindende «Unwort»-Wahl soll auf einen unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so für einen bedachten Umgang mit Begriffen sensibilisieren.

«Wir wollen uns durch unser Vorgehen nicht beliebt machen», erklärte die Sprecherin der Letzten Generation weiter. Es gebe jedoch einen Unterschied «zwischen Ärger oder Kritik zur Umsetzung und einer systematischen, sprachlichen Diffamierung und Kriminalisierung von Seiten einiger Politiker, superreicher Konzernchefs und populistischer Medienmacher durch Wörter wie «Klimaterroristen»», betonte sie. Durch die Gleichsetzung des Protests mit Terrorismus werde «demokratisch legitimierter Widerstand in den Kontext von Gewalt und Staatsfeindlichkeit gestellt».

Auch «Sozialtourismus» unter den Top drei

Auf Platz zwei setzte die mehrheitlich aus Sprachwissenschaftlern bestehende Jury den Ausdruck «Sozialtourismus», der 2013 zum «Unwort» gekürt worden war. CDU-Chef Friedrich Merz hatte das Wort im vergangenen September im Zusammenhang mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine verwendet und sich später dafür entschuldigt. Die Jury sah in dem Wortgebrauch «eine Diskriminierung derjenigen Menschen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind und in Deutschland Schutz suchen». Zudem verschleiere das Wort ihr prinzipielles Recht darauf.

Auf Platz drei kam die Formulierung «defensive Architektur», die als irreführend und beschönigend kritisiert wurde. Der Ausdruck bezeichnet eine Bauweise, die verhindert, dass sich etwa Wohnungslose länger an öffentlichen Orten niederlassen können.

Das «Unwort des Jahres» wurde nach verschiedenen Kriterien aus Vorschlägen ausgewählt, die Interessierte bis zum 31. Dezember 2022 eingereicht hatten. Insgesamt gab es 1476 Einsendungen mit 497 verschiedenen Begriffen, von denen knapp 55 den Kriterien der Jury entsprachen.

In Frage kommen Worte, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Bei der «Unwort»-Kür kommt es nicht darauf an, wie oft ein Begriff vorgeschlagen wurde. 2021 war die Wahl auf «Pushback» gefallen.


Picture credit: © Sebastian Gollnow/dpa
Copyright 2023, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten

Meistgelesene Artikel

US-Medien: Schreiben behauptet Tod vermisster Nancy Guthrie
Aus aller Welt

Das Verschwinden der Mutter von US-Moderatorin Savannah Guthrie sorgte in den USA Anfang des Jahres für großes Aufsehen. Nun berichten US-Medien über eine mutmaßliche Nachricht der Entführer.

weiterlesen...
45-Jähriger in U-Haft - Trauer nach Tat in Stade
Aus aller Welt

Ein Termin zum Sorgerecht für ein Baby endet tödlich. Sechs Menschen, die vermitteln und helfen wollten, sterben. Am Tag danach kommt der 45-Jährige in U-Haft.

weiterlesen...
Gewalt in Stade: «Was die gesehen haben, hinterlässt Spuren»
Aus aller Welt

Sechs Tote, mehrere Verletzte: Ein Gewaltverbrechen erschüttert eine Jugendhilfeeinrichtung im niedersächsischen Stade. Die Behörden teilen erste Erkenntnisse.

weiterlesen...

Neueste Artikel

China und Taiwan wappnen sich für Taifun «Bavi»
Aus aller Welt

Der zuvor als Super-Taifun eingestufte Sturm hat sich etwa abgeschwächt, bleibt aber gefährlich. In Taiwan fallen hunderte Flüge aus. Auch in China laufen die Vorbereitungen.

weiterlesen...
Gewaltiger Brand wütet in Andalusien - Tote und Verletzte
Aus aller Welt

Der Brand in Almería gilt als der bislang schwerste in Andalusien. Feuerwehr und Rettungsdienste kämpfen gegen die Flammen – das Ausmaß der Tragödie wird erst nach und nach sichtbar.

weiterlesen...

Weitere Artikel derselben Kategorie

China und Taiwan wappnen sich für Taifun «Bavi»
Aus aller Welt

Der zuvor als Super-Taifun eingestufte Sturm hat sich etwa abgeschwächt, bleibt aber gefährlich. In Taiwan fallen hunderte Flüge aus. Auch in China laufen die Vorbereitungen.

weiterlesen...
Gewaltiger Brand wütet in Andalusien - Tote und Verletzte
Aus aller Welt

Der Brand in Almería gilt als der bislang schwerste in Andalusien. Feuerwehr und Rettungsdienste kämpfen gegen die Flammen – das Ausmaß der Tragödie wird erst nach und nach sichtbar.

weiterlesen...